Die Titicaca Odyssee
von Don Fernando de los Andes
Frühstück konnte man es nicht wirklich nennen, was wir nach dem Schlaf zu uns genommen haben. Halb sieben Uhr morgens ist wohl auch etwas früh, um dem Magen Nahrung zuzuführen. So blieb es bei zwei Tassen Coca-Tee und ebenso vielen Gläsern Orangensaft, damit man wenigstens wach wird. Dazu gab es dann noch ein Stück frischen Bananenkuchen, wie es ihn in Bolivien in fast jedem Hotel gibt. Man könnte diesen Kuchen auch als Höhepunkt auf dem Frühstückstisch bezeichnen. Alles andere kann man getrost links liegen lassen das ist jedenfalls meine Meinung. Das Frühstück war vorbei, und sofort mussten wir uns auf den Weg zum Boot machen. Der Titicacasee wartete schon auf uns. Also Jacken an, Rucksack auf und los, denn es war keine Zeit mehr noch einmal auf das Zimmer zu gehen. Um sieben Uhr dreißig sollte das Boot ablegen, uns zu den Ursprüngen und Heiligtümern der alten Inkas bringen. Zur Isla del Sol und Isla de la Luna, der angeblichen Wiege, dem Geburtsort der Inka. Der Regen prasselte an diesem Morgen auf das Boot, wo man auch unter Deck noch aufpassen musste nicht nass zu werden. Auch die sandigen Straßen von Copacabana waren durchnässt. All überall zwischen den Deckenplanken sah ich das Wasser durchtropfen. Es war ungemütlich, kalt, kein schöner Morgen. Gerade hingesetzt bemerkte ich nun auch noch, dass ich mal die Toilette benutzen müsste. Ich dachte mir, daß es warten könne, da das Boot ja in wenigen Minuten ablegen sollte. Es legte nicht ab. Doch ich hatte ja keine Ahnung wie lange es noch warten würde zwei Minuten? Das wäre zu kurz um ein WC zu suchen, zumal die Bars am Hafen um diese Zeit ja noch geschlossen hatten. Zehn Minuten? Wäre möglicherweise ausreichend noch einmal schnell zum Hotel zu rennen und wieder zurück. Doch dann könnte das Boot schon ohne mich abgelegt haben. Eine kleine Zwickmühle; auf die Idee es könnte ein Klo an Bord geben kam ich erst gar nicht. So entschloss ich mich mit beruhigenden Worten meines Vaters und dem grinsenden Gesicht meines Schwagers die Sache zu vergessen. Nicht leicht, wenn man auf einem schaukelnden Boot sitzt, auf dessen Dach der Regen plätschert! Eine dreiviertel Stunde später legten wir ab, es wäre Zeit für vier Toilettengänge im Hotel inklusive dauernden Hin- und Rückweges gewesen. Mit der Zeit versuchte ich immer verzweifelter an andere Dinge zu denken, wie zum Beispiel Sonnenschein, Strand, Trockenheit,
Der Regen machte mich fast wahnsinnig. Immer nervöser zappelte ich auf meinem klammen Stuhl hin und her. Es prasselte immer noch und ein neues Leck in den Oberplanken tat sich direkt über meinem Bein auf. Sehr zur Freude meiner beiden Begleiter, die meine Lage zum Anlass nahmen, verschiedene Witze zu reißen natürlich über mich. Doch mir war immer weniger zum Spaßen zu Mute. Jetzt kam mir die Idee, es könnte ein Klo an Bord sein!
Immerhin gab es eine kleine Tür neben dem Eingang zum Unterdeck, die mir Hoffnung machte, denn die Aussichten bald eine der Inseln zu erreichen schwand, je weiter wir in den See stachen. Ich hatte inzwischen schon einen extremen Druck auf meiner Blase, und war nicht unbedingt erfreut mich von meinem Platz lösen zu müssen, denn jeder Schritt den mein Körper laufend zurücklegt erhöht den Druck unermesslich. Meiner Hoffnung wurde dann auch noch eine Absage erteilt. Es war eine der schlimmsten Niederlagen für meine Blase.
Ich war inzwischen schon soweit dem Druck nachzugeben indem ich all die Flüssigkeit in mir über die Reling hinweg entleere, doch es stellte sich als sinnloses, weil undurchführbares Unterfangen dar, denn überall saßen Passagiere drinnen wie draußen, rund um die Reling.
Es war eng und schwer an die direkte Kante zu kommen, noch dazu wankte das Boot recht stark, jedenfalls schien es mir in diesem Moment so. Die Scham siegte über die Not, doch wie lange noch konnte sie den Sieg für sich beanspruchen. Mehr und mehr überkam mich das Gefühl, meine Blase würde gleich platzen. Der Damm schien bereits erste Haarrisse zu bekommen, er könnte jeden Moment brechen. Ich bin an einem Punkt angelangt, den ich nie zuvor in dieser Härte erfahren musste. Gott sei Dank! Es hörte wenigstens auf zu regnen.
Doch schwankend fuhren wir inzwischen in die dritte Stunde hinein. Ich hatte, trotz der jetzt ins Blickfeld gerückten Isla del Sol, nicht das Gefühl wir würden uns auf irgendeine Weise fortbewegen. Selbst meinen beiden Begleitern schwand so langsam ihr Humor und Mitleid ergriff die Macht. Nicht zuletzt deshalb, weil jetzt auch mein Vater einen gewissen Harndrang verspürte. Die Insel kam nun aber tatsächlich näher und meine Zuversicht wuchs diesen Kampf zu überleben. Ich redete mir selbst gut zu, studierte immer und immer wieder die kleine Broschüre mit der Rute des Schiffes. Konzentrierte mich nur noch auf die baldige Ankunft. Ich versuchte telekinetische Kräfte zu entwickeln, um das Boot schnellstmöglich an Land schweben zu lassen. Nicht einmal in einer tatsächlich verzweifelten Lage des inzwischen dreieinhalb Stunden währenden Zurückdrängens seiner Bedürfnisse, ist der Mensch in der Lage solche Kräfte zu entwickeln.
Der Hafen kam nun in Sichtweite, und meinen Berechnungen nach würden hier die ersten Passagiere, die eine Inselwanderung planten abgesetzt. Der Druck stieg je näher wir dem Hafen kamen, vermutlich im Wissen, es wäre gleich vorbei.
Doch meine Berechnungen schienen falsch! Das Boot passierte langsam den Bootssteg, man hätte hinüber springen können, er war zum Greifen nahe. Das Schiff fuhr weiter. Todunglücklich und mit inzwischen kolikartigen Schmerzen blätterte ich das Heftchen durch, wollte gucken wo mein Fehler lag, wie lang es noch dauern sollte bis wir endlich Land betraten. Noch zwei Landzungen mussten umfahren werden bis zur nächsten Anlegestelle, für deren Benutzung ich Stoßgebete erbrachte.
Die Sonne war inzwischen rausgekommen, und es hätte eine wunderbare Bootsfahrt sein können, doch im Moment war ich mir im Angesicht des Druckes und der Schmerzen nicht bewusst, ob ich in der Lage sein würde überhaupt aufzustehen. Die Odyssee sollte noch tagelange 45 Minuten andauern, bis zum nächsten Anlegeplatz, es waren 45 Minuten in der Hölle, das Gefühl, der Teufel persönlich drehe einen auf einem Spieß über dem Höllenfeuer war allgegenwärtig und intensiv.
Doch diesmal legten wir wirklich an. Erlösung war mein erster Gedanke, doch ich musste aufstehen, und ich musste aufstehen bevor alle anderen es taten, denn ich musste die Toilette als Erster erreichen! Wäre irgendjemand vor mir da, ich würde sterben Diagnose: Blase geplatzt. Meine Befürchtung bewahrheitete sich nicht komplett: ich konnte zwar aufstehen, doch konnte ich nur gebückt laufen und musste einen 75 Grad-Knick bei der Bewegung hinnehmen, wenn ich es noch bis zum Klo zurückhalten wollte.
Ich ging so schnell ich konnte, das WC war ausgeschildert, meine Begleiter blieben dicht hinter mir. Als ich das Klo erreichte war es zwar nicht besetzt, doch wurde Eintritt verlangt. In einem letzten Aufbäumen gegen die Kraft des eigenen Körpers, rannte ich um Geld. Ich riss meinem Vater, der alles Geld für die Reise verwahrte die Münze fast aus der Hand um mir schnellstens das Ticket für den WC-Besuch zu kaufen, und spurtete zur Toilette, wo ich dem Druck Luft machen konnte. Man spürte das Nachlassen des Schmerzes, des Druckes in einer Intensität, die ich im Leben nicht für möglich gehalten hatte. Das Orchester spielte, der König tanzte. Es war eine Wohltat, wie sie mein Körper nie zuvor erlebt hat. Eine unendliche Last schien mir nach und nach von den Schultern genommen zu werden, ein Moment des absoluten Glücks, durch nichts zu bezahlen. Ich verbrachte Ewigkeiten vor dem Klo, während mich Schauer des Zitterns der Zufriedenheit überkamen. Wieder und wieder.
Ich hatte das Gefühl ich würde vor Erleichterung zusammenbrechen, obwohl ich mich immer weiter aufrichten konnte, immer mehr wieder zu einem Menschen, des aufrechten Ganges befähigt, wurde. Es waren schreckliche fünf Stunden andauernder Schmerzen, Angst, nicht mehr Herr seiner selbst zu sein, sich zu blamieren bis auf die Knochen, doch entschädigt durch einen fulminanten Glücksmoment, den man niemals vergisst, dennoch niemals wieder erleben möchte.
In diesem Moment war die Toilette am Hafen der Isla del Sol mein Königreich, und das trotz einer fetten Spinne, die sich über dem Waschbecken ihr Netz gesponnen hatte. Erlöst von meinen Qualen auf einer heiligen Insel.